Sonntag, 13. September 2009

Storm-Tagung Husum 2009










„Jeden Abend danke ich Gott dafür, daß Du mein Mann bist.“ Diese Worte einer treusorgenden Ehefrau schrieb Constanze Storm am 29. März 1864 an ihren Gatten Theodor. Der gesammelte Briefwechsel aus den Jahren 1851-1864 erschien jetzt pünktlich zur Storm-Tagung am vergangenen Wochenende in Husum. Die Herausgeberin Dr. Regina Fasold, Leiterin des Storm-Museums in Heiligenstadt, stellte den sorgsam editierten und kommentierten Band in einer Matinee am Samstag vor. 71 Einzeldokumente von Theodor Storm werden erstmalig bzw. erstmals vollständig veröffentlicht - die 50 Gegenbriefe seiner Ehefrau waren bislang völlig unbekannt. In ihrem kurzweiligen und dennoch wissenschaftlich fundierten Vortrag gab Fasold einen Einblick in das Leben der Eheleute, das selbst pikante Details wie Storms sexuelle Vorlieben nicht aussparte. Die tagebuchartig geführten Korrespondenzen sind Zeitdokumente einer zum Teil kleinbürgerlichen Existenz mit ihren Zwängen und Beschränkungen, andererseits lassen sie auch immer wieder die problematische Künstlerpersönlichkeit Storms erkennen, mit der sich Constanze arrangieren musste. Der Leser wird hier nicht nur unmittelbarer Zeuge einer Epoche im Umbruch, sondern auch einer Ehe und Liebe, die nicht immer auf sicheren Füßen stand und phasenweise für ihre Zeit durchaus als „skandalös“ bezeichnet werden darf.



Nach der obligatorischen Mitgliederversammlung schloss sich am Nachmittag ein Vortrag des Wissenschaftlers Prof. Dr. Louis Gerrekens (Liège/Lüttich) unter dem Titel „‘Das seltsame Ende von ‚Bötjer Basch’. Wahrer Optimismus oder beschränkte Erzählperspektive?“ an. Die 1887 publizierte Novelle, die in Husum verortet ist, wurde in der Forschung bisher vernachlässigt. Zu seicht schien diese Genre-Erzählung aus den letzten 25 Lebensjahren des Böttchermeisters Daniel Basch und seinem Sohn Fritz in einer bürgerlichen Kleinstadt an der Schwelle zur Industrialisierung. Gerrekens, dessen Forschungsschwerpunkte auf der Intertextualität und der Narratologie liegen, hat erstmals das Erzählverfahren dieses Textes analysiert, Anspielungen wie beispielsweise auf die Hiobgeschichte aufgedeckt und das komplizierte Rollenverhältnis des Erzählers der Geschichte und der des Autors Theodor Storm aufgeschlüsselt. Der Erzähler, ein Landvogt, nimmt zunächst eine neutrale, allwissende Position ein, versucht, seine eigene Beteiligung am Geschehen zu vertuschen. Mit kleinen sprachlichen und motivischen Kunstgriffen distanziert sich Storm als Autor von seinem Erzähler, stellt sich sozusagen über ihn und lädt den Leser ein, ebenfalls aus der Enge der Erzählperspektive zu fliehen und seine eigene Interpretation der nur auf den ersten Blick schlichten Geschichte zu finden.

Mit einer Exkursion auf den Spuren Storms in Bad Segeberg endete am Sonntag die diesjährige, gut besuchte Tagung.



Aktuelle Bucherscheinungen:

- Regina Fasold (Hg.)

Theodor Storm – Constanze Storm Briefwechsel. Kritische Ausgabe Band 18 – 2009, 490 S., 12 Abb., Subskription bis 31.10.2009 Euro 69,80.

- Ausgabe der jährlich erscheinenden „Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft“, Bd. 58/2009.


Zahlen und Fakten:

Die Gesellschaft hat aktuell knapp 1100 Mitglieder. Die Besucherzahlen im Jahr 2008 beliefen sich auf 20.543 Interessenten und sind damit leicht rückläufig.

Von Mitarbeitern wurden 81 Schüler- und 70 Erwachsenengruppen betreut, ca. 30 Besucher nutzten das Archiv für wissenschaftliche Forschungen.

Über Veranstaltungen und Termine für 2009/2010 informiert die Homepage www.storm-gesellschaft.de, die rund 40.000 Besucher verzeichnen konnte.